Einleitung
Der Edelkrebs Astacus astacus war im Spätmittelalter ein wichtiges Lebensmittel Europas. Bis ins 19. Jahrhundert wurde dieser Süßwasserkrebs in allen Gesellschaftsschichten häufig genossen, allein Paris benötigte pro Jahr sieben bis 10 Millionen Speisekrebse. (Hager, 2003)
Doch dann brachte die Krebspest die große Wende: Um 1860 begann ein großes Massensterben von Krebsen in der Lombardei, das sich während der folgenden Jahre über Mitteleuropa (1880), Russland (1890), Finnland (1893), Bulgarien (1900) und Schweden (1907) ausbreitete. Erst seit 1934 ist sicher, daß es sich bei dem Krankheitserreger um Aphanomyces astaci handelt, einen Schlauchpilz, der vermutlich aus Amerika eingeschleppt wurde. Alle Ausbrüche nach 1980 auf den Britischen Inseln, in Griechenland, in der Türkei, Norwegen und Irland lassen sich auf den Import von Signalkrebsen (Pacifastacus leniusculus) zurückführen, die resistente Träger dieser Krankheit sind. (Hager, 2003)
Die meisten Wiederbesetzungsversuche mit dem Edelkrebs schlugen fehl, weil dieser nicht resistent gegen die Krebspest ist. So griff man auf andere, resistente Krebse zurück, die die ökologische Nische des Edelkrebses besetzten (Hager, 2003). Neben dem Besatz mit Signalkrebsen entstanden auch Zuchtanlagen für den Signalkrebs, wie auch 1988 in Oeversee, Schleswig-Holstein. In den achtziger Jahren wurde man mit dem wachsenden ökologischen Interesse auch auf den ehemals heimischen Edelkrebs als Delikatesse aufmerksam. Diesem neuen Bewußtsein folgten Gesetze, nach denen nicht mehr die Arbeit mit dem Signalkrebs, sondern nur noch Projekte mit heimischen Krebsarten finanziell unterstützt wurden. So wurde auch der Zuchtbetrieb in Oeversee 1997 auf den Edelkrebs umgestellt, der als Speisekrebs und für den Besatz verkauft werden soll. (Jeske, 1997)
Natürlich muß in einem Zuchtbetrieb auch auf Wirtschaftlichkeit geachtet werden. Großen Wert legt man entsprechend auf hohe Überlebensraten. Ständig sind die Züchter um das Wohl der Krebse bemüht, auch, wenn dies zum Beispiel ständige Beobachtung und möglicherweise Manipulationen des Wasserkörpers voraussetzt. Dennoch gibt es auch Einflüsse, die nicht so einfach kontrolliert und optimiert werden können. Dazu gehören einerseits abiotische Faktoren wie beispielsweise die Temperatur. Andererseits zählen dazu auch biotische Faktoren wie zum Beispiel der gelegentliche Besuch von Vögeln an den Teichen, die sich daraus ernähren. Auch einwandernde Tiergruppen können großen Einfluß auf ein aquatisches System haben. Solche Arten werden nicht nur in der Aquakultur schnell als Schädlinge eingestuft.
Der Krebszüchter Helmut Jeske in Oeversee setzt seine jungen, im Frühjahr geschlüpften Krebse bis zum Herbst in Teiche seiner Zuchtanlage. Dann werden die Krebse wieder herausgeholt, wobei in der Regel etwa 50% der eingesetzten Krebse überlebt haben. Natürlich kommt dabei die Frage auf, woran die restlichen 50% gestorben sind. Herr Jeske hat in seinen Teichen nach eigenem Ermessen "viele Libellenlarven" gesehen (persönliche Mitteilung). Es ist bekannt, daß Libellenlarven ganze Fischbestände zerstören können (Schmidt, 1938). Auch kann eine so große Individuenzahl an Libellenlarven vorkommen, daß sie Einfluß auf andere Arten haben (McCollum & Leimberger, 1997). Nun vermutet Herr Jeske, daß die Libellenlarven auch seine jungen Krebse fressen könnten.
In der Literatur ist bisher wenig über die Räuber-Beute-Beziehung zwischen Edelkrebsen und Libellenlarven zu finden. Daß Großlibellenlarven Krebse fressen können, wurde einer Arbeit entnommen, die über Versuche zum Fluchtverhalten von jungen Krebsen (Procambarus clarkii) ausgelöst durch eine Libellenlarve (Anax junius) berichtet (Herberholz et al., 2004). Eine andere Arbeit untersucht die Wahl junger Krebse (Astacus astacus) zwischen künstlichen Verstecken und dem Schutz des Muttertiers unter Räuberdruck (Aeshna grandis) (Jonsson, 1992). Weiteres ist über die Beziehungen zwischen diesen Tieren nicht bekannt.
Deswegen wurden diese in der vorliegenden Arbeit untersucht.
Bevor klassische Feeding-Tests im Labor durchgeführt werden konnten, mußte eine passende Hälterungsmethode für die erhaltenen Großlibellenlarven gefunden werden, die auch ihre Ernährung in Gefangenschaft einschließt:
Libellenlarven sind lauernde Räuber (Heidemann et al., 2002), die nur sich bewegende Beute fangen (Askew, 1988), unter anderem Würmer und Insektenlarven (May et al., 1933). Es sollte in Gefangenschaft ähnliches Futter angeboten werden. Des Weiteren sollte es auch in großen Mengen beschaffbar und gut lagerbar sein, damit eine wiederholte Beschaffung frischen Futters nicht die Arbeitszeit dominiert.
Wie auch bei Libellenlarven (Ferris & Rudolf, 2007) ist Kannibalismus unter Krebsen bekannt (Hager, 2003). Dennoch ist es möglich, eine große Anzahl an Krebsen aus der Zucht auf engem Raum zu halten (100 Stück / m² (Hager, 2003)).
Ob dies bei den Libellenlarven auch möglich ist, sollte herausgefunden werden. Andernfalls wäre die einzige Alternative die Einzelhaltung.
Anschließend wurde mit Hilfe mehrerer aufeinander aufbauender Feeding-Tests untersucht, welche Anisopteren die jungen Krebse fressen und in welcher Menge dies unter variierenden Beutebedingungen geschieht:
Zunächst wurde zwischen den Familien Libellulidae und Aeshnidae auf Unterschiede in der Nahrungswahl getestet.
Innerhalb der Aeshnidae sind zwei Größenklassen aufgefallen: zum einen unter 4,0 cm große Tiere, zum anderen deutlich größere Tiere. Diese ließen sich noch einmal nach Helligkeit des Abdomens unterscheiden. Ein zweiter Test sollte zeigen, ob zwischen diesen drei Gruppen unterschiedliche Nahrungswahl auftritt.
In der freien Natur (und noch mehr in den Teichen von Herrn Jeske) werden den Krebsen eine große Menge an Verstecken angeboten. Auch leben dort viele weitere Insekten und deren Larven. Den Libellenlarven stehen also nicht nur Krebse als Nahrung zur Verfügung. Zwei Tests untersuchen, ob die Krebse die Verstecke nutzen und ob die Libellenlarven auch alternative Nahrung zu sich nehmen.
Während der oben erwähnten, von JONSSON (1992) durchgeführten Versuche zur Versteckwahl junger Krebse unter Räuberdruck (Aeshna grandis) waren die Muttertiere anwesend. In Oeversee werden die künstlich ausgebrüteten jungen Krebse ohne das Muttertier in die Teiche eingesetzt. Deshalb werden die Feeding-Tests auch ohne Muttertier durchgeführt.
Die zuvor beschriebenen Feeding-Tests wurden mit ausgewachsenen Libellenlarven und vor kurzem geschlüpften Edelkrebsen durchgeführt. Es stellt sich die Frage, ob ältere, größere Krebse nun umgekehrt die Libellenlarven fressen. Ein letzter Versuch mit Libellenlarven und in diesem Fall zweijährigen Krebsen zur Frage der Umkehr der Räuber-Beute-Beziehung soll die Reihe der Feeding-Tests abschließen.
Um mögliche Auswirkungen auf die Krebszucht einschätzen zu können, wurde parallel auch die Libellenfauna der Zuchtteiche in Oeversee analysiert: Es wurden vom Frühsommer (19. Juni) über den Sommer (19. Juli) bis in den September (6. September) hinein drei einstündige Linientaxierungen vorgenommen.
Wie jedes Lebewesen sind auch Libellen schützenswert, doch darf nicht außer Acht gelassen werden, daß es sich hier um einen Unternehmen handelt, das wirtschaftlich rentabel arbeiten muß. Deshalb sollen am Ende der Arbeit dem Krebszüchter Möglichkeiten für ein mehr oder weniger "friedliches Nebeneinander" aufgezeigt werden.
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